texte
Warum
?
wir kennen das wienerlied.
wir kennen roland neuwirth.
wir kennen adi hirschal, und wir kennen heinz holecek.
wir kennen den schmalen grat zwischen milieu und niveau.
wir kennen den spagat zwischen soul und groove, die tanz und die märsche.
wir kennen die alten themen, den wein, die maderln, den tod.
wir wissen um die lust und die qual, die es verursacht, das eigene in
besitz zu nehmen.
doch wieder haben unberechenbare anarchisten das wienerlied
besetzt wie ein staubiges haus,
und hinter den blinden scherben der alten fenster wachsen - heimlich?
ohne lärm jedenfalls -
frische, kräftige triebe am alten stock.
kennen wir das wienerlied?
Wissen
»Was liegt an aller unserer Kunst der Kunstwerke,
wenn jene höhere Kunst, die Kunst der Feste,
uns abhanden kommt!« (Friedrich Nietzsche)
Vor der Erfindung des Radios hat hier fast jede/r musiziert,
gesungen oder getanzt.
Über mehrere Jahrhunderte sind, auch in den Wiener Vorstädten, durch zunehmend spezialisierte Musiker Entlohnungsmodalitäten entwickelt worden (von der freiwilligen Spende mit Aufgeld vom Wirten über Eintritt nach Gewicht und das Verkaufen von Notenblättern bis zur Etablierung des Urheberrechts durch die Genossenschaft AKM).
Das Wiener Musikleben des 19. Jahrhunderts war stark geprägt durch die Bemühung
mehrerer komponierender Geiger, das Milieu der zugewanderten, arbeitenden und
tanzenden Bevölkerung, also die Vorstadt, zu verlassen und die "Musik der Straße" dem
reicheren Bürgertum und dem Adel schmackhaft zu machen.
Franz Schubert machte es im
kleinsten Kreis vor, Michael Pamer, Carl Michael Ziehrer, Alois Strohmayer, Joseph
Lanner und Johann Strauß entwickelten nach und nach den Markt und die notwendigen
Strukturen. Sie alle waren, zugleich und in verschiedensten Ensembles, Tanzmusiker,
Kapellmeister, Komponisten und unterhaltsame Entertainer. Johann Strauß Sohn war einer der fleissigsten und ohne Zweifel der erfolgreichste von ihnen, er trägt nicht umsonst das Attribut des "ersten Popstars der Musikgeschichte". Für Publikumsmagneten wie ihn wurden die wunderbaren Säle gebaut, die auch heute alle Welt mit Wien verbindet.
Eine weitere Schlüsselfigur war der Philharmoniker Joseph Hellmesberger. Er beendete
um 1850 seine aktive Laufbahn, um als Direktor des Konservatoriums den "Wiener
Geigenstrich" zu lehren. Er bildete eine Generation brillanter Konzertgeiger aus, und zwei seiner Lieblingsschüler waren die Brüder Johann und Josef Schrammel.
Das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts begann für Wien mit mehreren Katastrophen.
Die Weltausstellung (1873) verbreitete zunächst enorme Aufbruchsstimmung, die Stadt
wurde massiv erweitert, gigantische Summen investiert, als kurz nach der Eröffnung
die Cholera ausbrach. 3000 Menschen starben in wenigen Wochen, verantwortlich waren,
wie sich herausstellte, ausländische Gäste. Das und der Börsenkrach im gleichen Jahr führte zu einer antimodernen Haltung des Bürgertums, für die Wien ebenfalls bis heute
bekannt ist. Die Eröffnung der ersten Wiener Hochquellwasserleitung, bis heute ein Bauwerk von kolossaler Dimension, verzögerte sich bis nach der Weltausstellung und wurde schliesslich nur mehr von den direkt Involvierten beim Hochstrahlbrunnen gefeiert. Als 1881 das fast neue Ringtheater völlig abbrannte (über 300 Menschen
verloren ihr Leben), war die Stimmung vollends am Boden: "Zurück zur Natur" war, kurz gefasst, der kollektive Reflex der Wiener, alles Neue verlor seinen Wert.
So ist die einhellige Begeisterung zu erklären für das Brüderpaar Schrammel, das in den Jahren
1873 - 1893 größtmögliche Virtuosität mit der kleinstmöglichen Form (zunächst im Trio
mit dem Kontragitarristen Anton Strohmayer) und den beliebten Melodien ihrer
berühmten Vorgänger kombinierte. Sie machten mit lebensfroher Selbstironie den
Wirtschaftsverlierern das Leben erträglich, waren zugleich Schnittstelle zwischen
Hoch- und Subkultur und geachtete Volksbildner, von Presse und Adel gleichermassen zu Vorbildern erhöht.
Die kleine Form war jetzt das "Wienerische" an sich:
Die patriarchal-pompöse Selbstdarstellung des allgegenwärtigen Militärs - ironisch
reduziert zum Heurigenmarsch;
Das höfische Balz- und Ballritual, unerreichbar für die Meisten - große Romantik, en
miniature zelebriert in den heiligen "Alt-Wiener Tanz";
Der Starkult um Hofoperndiven und Konzertsaalvirtuosen - direkt übertragen auf die "Kunst"-pfeifer, -dudler, -pascher, Posthornbläser und Schwegelpfeifer, die von der
gesamten Peripherie alsbald zu den "Schrammeln" fanden.
Das alles unter freiem Himmel, bei mitgebrachtem Essen, günstigsten Getränkepreisen
und einer ehrlich bevorzugten "small is beautiful"- Haltung, die den fehlerhaften
Menschen als Maß des Machbaren klaglos akzeptiert.
Dafür steht die so genannte "Schrammelmusik", wie wir sie heute spielen.
Sie ist ein Panoptikum der Spätromantik - oder des frühen Industriezeitalters -,
lauter und "grün", selbstbewusst nicht durch Abgrenzung vom Anderen, vielmehr durch Vertiefung der Freude am Eigenen.
Wien
Wenn Sie mehr über Wien wissen wollen, gehen Sie zu den Alten.
Gehen Sie zum Kurt Girk, zu Walter Hojsa, Kurt Schaffer,
Karl Hodina, zu Willi Lehner und Gerhard Heger, ...
Googeln Sie. Gehen Sie. Schnell.
Ernst Molden über die Wiener Musik
Nachrichten aus der großen Geisterstadt Wien
Ich achte darauf, die große Geisterstadt Wien einmal im Jahr mit meinen Leuten zu verlassen. Der eigenen Vergeisterung muß Einhalt geboten werden, deshalb fahren wir an eine Stelle, an der das südöstliche Europa nur noch Lybien als Visàvis hat, um viel zu essen und viel zu baden.
Es ist unvermeidlich, daß man auf solchen Reisen Menschen trifft, die die eigene Sprache sprechen. Sodann wird man gefragt, wo man her ist, sodann sagt man: "Wien", sodann hört man: "Oh!" und wird angehalten, von Wien zu erzählen. In früheren Jahren pflegte ich dann zu erklären, daß Wien eben eine große Geisterstadt ist, daß eigentlich wenig passiert, und das, was doch passiert, sehr schwer zu deuten ist. Aber die Leute sind verstört, wenn sie so etwas hören. Also habe ich mir angewöhnt, "Wien ist herrlich!" zu sagen, mich auf das letzte Schöne, das ich erlebt habe, zu konzentrieren und davon zu berichten.
Das letzte Schöne vor unseren heurigen Ferien war eine Konzert, daß ich mit zwei wichtigen Herren aus der Wiener Musik spielen durfte, mit dem Herrn Walther und dem Herrn Karl.
Mit Wiener Musik meine ich jetzt weder die Wiener Klassik, noch Pop mit Wiener Texten, sondern die wirkliche Wiener Musik, die Wiener Volksmusik. Dieses Genre, dessen heutige Form sich seit dem Biedermeier entwickelt hat, dieses teure Schatzkisterl voller Lieder, Tänze und Märsche, es wäre unter dem Gezupfe des Anton Karas, unter Grinzinger Tränensack-Schmachtfetzen und unter der Heimatfilm-Schrammlerei erstickt, wenn es nicht Menschen wie den Herrn Karl und den Herrn Walther gäbe, die in einer Mischung aus Orchideenzucht und Archäologie dafür sorgen, daß diese Musik am Leben bleibt.
Herr Karl spielt die Zither, Herr Walther die Wiener Knöpferlharmonika oder auch Budowitzer, ein chromatisches Knopfakkordeon, das man mit spitzen Fingern berühren muß, weil seine Knöpfe so nah beinander liegen, wie Herr Walther sagt. Die beiden haben, jeder für sich und miteinander, schon fast jede Art Musik gemacht, sie haben Bühnenmusik, Britpop und Punk gespielt, für das Kino und die Kathedrale zu Sankt Stephan komponiert. Heimgefunden haben sie dann als schönstes Paar der Wiener Musik. Wenn sie eines ihrer oft langen und komplexen Stücke spielen, desssen Noten sie nicht selten auf irgendeinem Dachboden aufgestöbert haben, dann muß man weinen und anzüglich grinsen, dann fühlt man sich einsam wie im Weltall und aufgehoben wie in einer großen warmen Hand, dann will man ganz weit weg und nirgendwo anders sein, und alles das zugleich oder doch in einer huschenden Abfolge von Gefühlen, wie sie sonst nur die Grottenbahn im Prater bereithält.
Ich habe mich jahrelang von den Wiener Musik ferngehalten, wiewohl sie liebend. Ihre unmittelbare Wirkung auf das Gemüt ließ mich vorsichtig, sagen Sie ruhig: ängstlich, werden, ich pflegte dem süßen Tod dieser Melodien gegenüber einen Argwohn wie einer bewußtseinserweiternden Substanz, deren Wirkung man immer erst nachher kennt.
Aber als wir dann saßen, der Herr Karl und der Herr Walther und ich, dazu noch zwei Gitarrenspieler, der Herr Robert aus Canterbury und der Herr Jimmy aus Queens, da gewann die Wiener Musik gegen meine Angst.
Jetzt hat sie mich voll und ganz, und wenn ich drunten in Südkreta von den beiden Herren erzählte, bekam ich, augenblicksweise, Heimweh.
Der Artikel ist in dem online-magazin the title erschienen,
wie immer gibt es dort auch eine Hörfassung:
http://www.the-title.com/fileadmin/mp3/title10.mp3
Die ehrlichste Gage
Zur baldigen Abschaffung der Straßenmusik-Verordnung
(Augustin 201 - 04/2007)
Der Musiker Walther Soyka hat am Freitag, den 13. April ( F 13) an dem „kleinen Wiener Akkordeonfestival“ im U-Bahnnetz teilgenommen, weil er dessen Zielsetzung unterstützt: Beseitigung der bürokratischen Hürden für die Straßenmusik in der „Hauptstadt der Musik“. Dem Augustin berichtete er, welche Rolle die Straße in seiner Künstlerbiografie spielte und wie wenig die Hüter der Verordnung vom Sinn der Kunst begreifen.
Meine Laufbahn als Akkordeonist hat 1979 begonnen, auf der Kärntnerstraße.
So wie viele andere Musikstudenten bin ich zum Üben lieber dorthin gegangen als zu Haus die müde Mutter zu sekkieren. Natürlich war meine Absicht nicht, irgendwen zu belästigen - die Intention war, was ich gelernt hatte unmittelbar weiterzugeben. Und es haben sich immer Menschen gefunden, die das Gehörte zu schätzen wussten. Dort habe ich gespürt, was sich zwischen ehrlicher Begeisterung und brutaler Ablehnung alles erfahren lässt, und ich habe gelernt, für jeden einzelnen Schilling, den mir jemand gegeben hat, dankbar zu sein. So geht Kultur.
Die meisten Menschen, die auf Straßen musizieren, tun das nicht, weil sie in der gewerblichen Vermarktung von künstlerischen Leistungen keine Chance für sich selber sehen, sondern weil sie diesen komplizierten Vorgang der Musik selber, die sie wie eine Person betrachten und verehren, nicht antun wollen. Und genau darin unterscheiden sie sich von so genannten "Profis", die jede Bezahlung als Folge ihrer persönlichen Leistung missverstehen. Die Behauptung, was nichts koste, sei auch nichts wert, habe ich von solchen viele Male staunend gehört und betrachte sie heute als Ausdruck einer kollektiven Geisteskrankheit.
Heute bin ich überzeugt, dass das Geld, das ein Straßenmusikant bekommt, die ehrlichste Gage ist, die überhaupt möglich ist. Die ZuhörerInnen haben die seltene Gelegenheit, ihre Bewertung des Gehörten selbst und freiwillig vorzunehmen, dabei lernen sie etwas über sich selbst. Niemand versucht, sie über die Qualität des Gebotenen zu täuschen, niemand zwingt sie, zuzuhören oder gar zu bezahlen, und so war ich als Musikant immer in der Rolle des Gebenden. Jedes Stück Musik war zuerst ein Geschenk an die Welt, und nur wer dafür Verständnis hatte, hat zugehört oder gar - aus purer Freude - etwas zurückgegeben.
Seit dem Tag, an dem ich von einem (eh recht höflichen) Polizisten erfahren habe, dass ich jetzt eine Genehmigung (damals noch Gratis- Platzkarte) brauche, um hier zu musizieren, war ich um eine ganz wichtige Seite meiner Persönlichkeit ärmer: Das Gefühl, etwas zu geben zu haben, hat sich später nie wieder in vergleichbarer Weise eingestellt. Als hätte ich kein Recht dazu.
Die Verbote und Einschränkungen der Straßenkunst-Verordnung zwingen Künstler letztlich in eine gewerbliche Haltung, die überhaupt nicht dem eigentlichen, nämlich immateriellen, Charakter von Musik (oder sonstiger Kunst) entspricht. Das soll bitte nicht esoterisch oder romantisierend verstanden werden, aber jeder Ton, den jemand spielt oder singt, macht die Welt, und damit unser aller Leben, tatsächlich reicher. Die UNESCO versucht weltweit, Regierungen von dieser Tatsache zu überzeugen - und wird zugleich von kurzsichtigen Lokalpolitikern, die Verordnungen wie diese aufrecht erhalten zu müssen glauben, ad absurdum geführt.
Viel zu oft werden Menschen durch Regulative vor sich selbst, vor dem Entwickeln ihrer natürlichen Eigenheiten "beschützt". Potentielle Wege der Identifikation und Integration werden dem Vermeiden potentieller Konflikte geopfert; die Entwicklung einer Diskurskultur findet wegen kontur- und sprachloser Konfliktparteien nicht statt; schließlich muss jeder Bereich des städtischen Zusammenlebens an bezahlte Spezialisten delegiert werden, die wegen absichtslos erzeugter Mängel völlig absurde Expertenpositionen einnehmen. Irgendwo in dieser Kette finden sich vermeintliche Kulturträger in der paradoxen Situation, in Konkurrenz zu einem ruhebedürftigen Bauunternehmer "gewerblichen Lärm" zu produzieren, während speziell geschulte Polizisten Deeskalation üben an Leuten, die nur einfach nicht gelernt haben, zusammen zu singen.
Das nenn’ ich Chaos, daraus kann uns nur eine veritable Anarchie retten.
P.S.:
Kurz nach Ausbruch des ersten Weltkriegs schreibt Vincenz Chiavacci (Erfinder des "Herrn Adabei" und der "Frau Sopherl"):
Wien gilt auch im Ausland als die Stadt der Lieder und in den entferntesten Erdteilen wird der Wiener als Liedersänger begrüßt und bekannte Klänge, von fremdsprachigen Zungen ausgeführt, dringen an sein erstauntes Ohr. Denn Wiener Lieder und Gesänge haben die ganze Welt erobert und der Wiener wird als ihr Vertreter überall herzlich empfangen. Daß Wien zu diesem Rufe gekommen ist, verdankt es seiner fröhlichen Bevölkerung und seiner herrlichen Lage. Von jeher war ein großer Strom, verbunden mit einer schönen Umgebung, in der die Weinrebe zu Hause ist, die Heimstätte fröhlicher Gesänge. [...] Und überall ertönten in dem klingenden Walde fröhliche Weisen, die die Schönheit ihrer Vaterstadt priesen und die Freude am Dasein verkündeten. Und auch auf dem Heimweg fand die Sangesfreude in übermutigen, vom Wein gepfefferten Liedern ihren Ausdruck. Diese fröhliche Epidemie wurde auch in der Stadt und Umgebung unermüdlich fortgesetzt. Beim Heurigen vor der Linie und in den zahlreichen, gemütlichen Wirtshausgärten gab und gibt es zahlreiche Produktionen von Volkssängern. Das ist freilich jetzt teilweise eingeschränkt. Das Glacis mit seinen Harfenisten ist verschwunden. Hie und da sieht man noch einen blinden Harfenisten in einem Durchhaus. Auch die Werkelmänner haben abgenommen. Sie finden in den Neubauten mit ihren engen Höfen kein Publikum und sind nur mehr auf die spärlichen alten Häuser mit geräumigen Höfen angewiesen, wo sie Melodien verbreiten, die die arme Bevölkerung nicht in den Theatern hören kann. In diesen Höfen versammeln sich noch zuweilen die Harfenisten und Volkssänger und nicht selten kommt es zu einem Tanz der weiblichen Hausbewohner beim Klange eines Werkels. Auch ganze Szenen wurden mit Harfenbegleitung von wandernden Volkssängern aufgeführt, die dem Heiterkeitsbedürfnisse der Bewohner entsprachen.
© Walther Soyka
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Austria
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